Experimente verunsichern

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2016 01 22 Grafik für Online Verwenung Schreiben Nach Gehör
Volles Haus hieß es in der Bürgerhalle Montabaur bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung und des CDU-Kreisverbandes zum Thema Bildungspolitik. Der Vorsitzende des Lehrerverbandes Josef Kraus mahnte insbesondere, den Sprachverfall durch eine wieder mehr fordernde Bildung aufzuhalten.

Die stellvertretende Kreisvorsitzende Jenny Groß machte einleitend an einigen Beispielen deutlich, dass die rotgrüne Landespolitik im Bildungssektor versagt habe und es nun an der Zeit sei, für Ruhe und gute Rahmenbedingungen an den Schulen zu sorgen. „Der Wille, einen Text fehlerfrei abzuschreiben und dies auch noch leserlich, ist bei vielen Kindern nicht mehr vorhanden. Alles soll nach Möglichkeit abgekürzt werden dürfen und am liebsten in Stichworten zu beantworten sein,“ erzählte Jenny Groß aus der Praxis. Ob Universitäten oder Ausbildungsbetriebe, sehr oft klagen diese darüber, dass ihre neugewonnenen Studenten oder Azubis nicht mehr in der Lage seien, eigene Texte fehlerfrei aufs Papier zu bringen. „Wir dürfen unsere Kultur nicht zum Ausverkauf stellen!“, mahnt Groß an.

Mit Spannung sah die Landtagsabgeordnete Gabi Wieland dem Vortrag entgegen. Sie hat Kraus in der Vergangenheit schon mehrfach erlebt und findet Kraus Analysen als sehr konstruktiv, gerade auch, weil die Politik nicht immer den Gefallen des Kritikers findet. „Die Eltern werden angehalten, die Fehler ihrer Kinder nicht mehr zu verbessern und das Erlernen der Schriftsprache so hinzunehmen. Selbstverständlich ist dies ein Zustand, der für erhitzte Gemüter sorgt,“ sagte Wieland. Die CDU-Landtagsabgeordnete steht für eine Bildungspolitik mit Inhalten statt Experimenten.

Immer weniger Kinder, beobachtet der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus, können noch eine lesbare Handschrift anwenden. Das Smartphone und die Messengerdienste haben die Schülerschaft im Griff. Manche bemalen ihre Diktatzettel großflächig, klein und krakelig dazwischen der Text. An finnischen Schulen soll die Schreibschrift-Pflicht 2016 gar verschwinden. Ein Irrweg, glaubt Kraus. Heute könnten Schüler mehrstündige Prüfungen kaum noch durchhalten. Heraus kämen unleserliche Texte. Schüler mögen das als Vorteil sehen: Mit etwas Glück fallen wenigstens die Fehler - der Sauklaue sei Dank - kaum mehr ins Auge.

Mit diesen prägnanten Aussagen startete Josef Kraus in seinen anschaulichen Vortrag. Viele Eltern und Pädagogen sind der Verzweiflung nahe – die Grundschüler erlernen das Schreiben derzeit nach Gehör, es gibt damit erst mal keine richtige oder falsche Schreibweise. Doch macht das Sinn?

Für Josef Kraus ist der Sprachverfall mehr als beunruhigend. „Die Bildungsreformen der vergangenen Jahre haben für die Zukunft schlimme Konsequenzen.“ ist sich Kraus sicher, „sie gehen allesamt zu Lasten der schwachen Schüler.“ Derzeit werden an deutschen Schulen im Schnitt nur noch 16 Prozent des Unterrichts im Fach Deutsch unterrichtet. Im Vergleich dazu haben alle anderen europäischen Länder einen Unterrichtsanteil in der eigenen Sprache von 22 bis 28 Prozent. Ein Gedicht auswendig zu lernen, wird heute nicht mehr verlangt und schlimmer noch: Selbst bei Abitur-Prüfungen werde Halbwissen bereits durch die Multipel Choice Methode (mehrere Antworten sind vorgegeben, die Richtige wird angekreuzt) oder das Ausfüllen von Lückentexten gefordert und gefördert.

Die derzeitig betriebene Bildungspolitik setze auf Minimalismus, es fehlen konkrete Inhalte in den Lehrplänen – sie werden damit zu Leerplänen, bemängelte Kraus weiter. Besorgniserregend sieht Kraus auch, dass immer weniger Kinder eine leserliche Handschrift haben. Das sei dem Umstand geschuldet, dass bereits zu früh der Umgang mit der Tastatur gelehrt werden, eine klare Handschrift gerät so ins Hintertreffen, doch gerade sie vermittle nun mal Identität und Individualität. Entsprechend verurteilte Kraus Pläne einiger Kultusministerien, die in künftig mit Schulbeginn Tastatur-Schreiben, aber keine Handschrift mehr, vermitteln wollen.  

Für den fortschreitenden Verfall der deutschen Sprache machte Kraus weniger die Pädagogen mehr die Politik verantwortlich, die die zunehmende Verunglimpfung der Muttersprache zulasse. Die anschließende Diskussion zeigte schnell die entstandene Verunsicherung, Eltern wollten die gleiche Notengebung bei völlig unterschiedlichem Leistungsverhalten erklärt haben. Das unzureichende Ausbilden von jungen Lehrern, der häufige Stundenausfall und die begründete Sorge um unsere Handschrift wurden deutlich. Überwiegend gab es Plädoyers für die altbekannte Lehrmethode, doch auch eine junge Lehrerin sicherte machte deutlich: „Wird die neue Lehrmethode Schreiben nach Gehör richtig angewandt, ist das Ergebnis nicht mehr oder wenige schlecht als die alte Methode.“ Doch dafür müssten die Grundschullehrer Deutsch als Hauptfach studieren, denn das Lesen von drei Seiten in einem Buch reichten bei Weitem nicht aus.

Klaus Lütkefedder, Mitglied des CDU Landesvorstandes bedankte sich bei Josef Kraus und resümierte sarkastisch: „Ihr Vortrag war sehr anschaulich, einige Passagen hätten gewiss auch Platz für einen Beitrag in einer Fastnachtssitzung, weil die Bildungspolitik im Land ad Absurdistan betrieben werde.“ kraus